Erddepot mit Agentenfunkanlage der DDR bei Bielefeld entdeckt

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    Montag, 22. August 2011 - 11:01 Uhr


    Von Christian Althoff


    Bielefeld (WB). 50 Jahre nach Beginn
    des Mauerbaus hat ein Schatzsucher jetzt in einem Wald bei Bielefeld mit
    seiner Metallsonde ein Erddepot des DDR-Auslandsgeheimdienstes
    entdeckt.


    Nachdem das Metallsuchgerät angeschlagen hatte, setzte der
    Sondengänger seinen Spaten an. »Ich musste etwa 60 Zentimeter graben«,
    erzählte er. Dann stieß er auf wasserdicht verklebte Kästen, deren
    Inhalt sich als Agenten-Funkanlage herausstellte. Neben dem Funkgerät
    kamen eine Drahtantenne, eine Morsetaste und Ersatzteile ans
    Tageslicht. »Das Gerät ist mindestens 40 Jahre alt und sendet auf
    kurzer Welle«, sagte ein Sprecher des Bundesnachrichtendienstes (BND),
    der sich Fotos des Fundes angesehen hat. Das Gerät war wohl für einen
    Spion der »Hauptverwaltung Aufklärung« (HVA) vorgesehen, den
    Auslandsgeheimdienst der DDR, der zum Ministerium für Staatssicherheit
    gehörte.
    Auch Detlev Vreisleben aus Köln, Diplom-Ingenieur für
    Nachrichtentechnik und Experte für Spionagekommunikation, hat die
    Bilder gesehen. Er sagt: »Die in Erddepots versteckten Geräte waren für
    den Kriegs- oder Krisenfall gedacht. Denn normalerweise wurden
    Informationen, die Spione in der Bundesrepublik gewonnen hatten, von
    Kurieren in die DDR gebracht.« Für den Fall, dass die Grenze irgendwann
    geschlossen sein würde und Kuriere nicht mehr reisen konnten, habe man
    diese Funkgeräte benötigt. Vreisleben: »Nach Unterlagen der
    DDR-Staatssicherheit gab es in der Bundesrepublik 221 Agenten, die mit
    ganz normalen Radios verschlüsselte Nachrichten aus der DDR empfingen.
    Aber es gab nur 15 Agenten, die selbst per Kurzwelle Nachrichten in die
    DDR absetzen konnten.« Insofern sei die Entdeckung des Erddepots in
    Ostwestfalen ein Glücksfall. Auch Daniel Bérenger, Leiter der
    Außenstelle Bielefeld des Westfälischen Museums für Archäologie,
    spricht von einer »hoch interessanten Entdeckung«.
    Detlev Vreisleben: »Viele Radiohörer können sich heute noch an geheimnisvolle
    Nachrichten aus dem Ostblock erinnern. Eine Frau las Zahlen in
    Fünfergruppen vor. Die Agenten schrieben mit. Sie besaßen Listen mit
    fünfstelligen Zahlen, die sie von den soeben gehörten Zahlen abzogen.
    So ergaben sich jeweils fünf neue Zahlen, von denen jede für einen
    Buchstaben stand.« Auch westliche Geheimdienste hätten dieses Verfahren
    benutzt, sagte der Experte.
    Das Gerät, das einen Netzanschluss benötigt und die Jahrzehnte im Erdreich gut überstanden hat, gibt
    selbst keine Informationen über seine Herkunft preis. Es gibt kein
    Typenschild, und die Bauteile stammen aus Westdeutschland, der DDR, den
    USA und England. Die Morsetaste ist einer Prägung zufolge sogar 70
    Jahre alt und entstammt Wehrmachtsbeständen. In dem Funkgerät ist ein
    kleines Laufwerk integriert, das an ein Tonband erinnert und dessen
    Kurbel mit Daumen und Zeigefinger gedreht werden kann. Nach Auskunft
    des Bundesnachrichtendienstes konnten Spione ihre verschlüsselten
    Nachrichten im Morsecode in ein Magnetband stanzen, das sie dann mit
    der Handkurbel abspielten. So wurden die Nachrichten schneller
    übertragen, und die Entdeckungsgefahr durch Lauscher westlicher
    Geheimdienste war geringer.
    Eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln sagte, Geräte dieses Typs seien seit Ende der
    50er Jahre eingesetzt worden. Ob der Fundort des Erddepots einen
    Hinweis auf den Einsatzort des Spions gebe, wollte die Sprecherin nicht
    sagen. Detlev Vreisleben hält es aber für wahrscheinlich, dass der
    Agent in der Nähe seines Depots lebte: »Er musste ja im Ernstfall
    schnell an das Gerät herankommen.«
    Nach Auskunft des Bundeskriminalamtes sind seit der Wende zahlreiche Erddepots mit
    unterschiedlichem Inhalt entdeckt worden. »Die meisten Depots konnten
    der Zeit vor dem Mauerfall zugeordnet werden«, sagte eine Sprecherin.
    Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen sollen aber auch Funkgeräte entdeckt
    worden sein, die erst nach dem Mauerfall vergraben worden sind. Das
    soll sich aus dem Verfallsdatum ergeben, das auf Akkus aufgedruckt war.